Mittwoch, 1. Juli 2009

Märchen: "Der Froschkönig"

Der Froschkönig
(von den Gebrüdern Grimm)

In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte einmal ein König, der hatte wunderschöne Töchter. Die Jüngste von ihnen war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles schon gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse war ein großer, dunkler Wald, und mitten darin, unter einer alten Linde, war ein Brunnen. Wenn nun der Tag recht heiß war, ging die jüngste Prinzessin hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens. Und wenn sie Langeweile hatte, nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder auf. Das war ihr liebstes Spiel.
Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in die Händchen fiel, sondern auf die Erde schlug und gerade in den Brunnen hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing die Prinzessin an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten.
Als sie so klagte, rief ihr plötzlich jemand zu: "Was hast du nur, Königstochter? Du schreist ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte." Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. "Ach, du bist es, alter Wasserpatscher", sagte sie. "Ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist." "Sei still und weine nicht", antwortete der Frosch, "ich kann wohl Rat schaffen. Aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielzeug wieder heraufhole?" "Was du haben willst, lieber Frosch", sagte sie, "meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage."
Der Frosch antwortete: "Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht. Aber wenn du mich lieb haben willst und ich dein Geselle und Spielkamerad sein darf, wenn ich an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen darf, dann will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel heraufholen."
"Ach, ja", sagte sie, "ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wiederbringst." Sie dachte aber, der einfältige Frosch mag schwätzen, was er will, der sitzt doch im Wasser bei Seinesgleichen und quakt und kann keines Menschen Geselle sein!
Als der Frosch das Versprechen der Königstochter erhalten hatte, tauchte er seinen Kopf unter, sank hinab, und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert, hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielzeug wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. "Warte, warte!", rief der Frosch. "Nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du!" Aber was half es ihm, dass er ihr sein "quak, quak" so laut nachschrie, wie er nur konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Hause und hatte den Frosch bald vergessen.
Am andern Tag, als sie sich mit dem König und allen Hofleuten zur Tafel gesetzt hatte und eben von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen. Als es oben angelangt war, klopfte es an die Tür und rief. "Königstochter, Jüngste, mach mir auf." Sie lief und wollte sehen, wer draußen wäre. Als sie aber aufmachte, saß der Frosch vor der Tür. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und es war ihr ganz ängstlich zumute.
Der König sah wohl, dass ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach: "Mein Kind, was fürchtest du dich? Steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?" "Ach, nein", antwortete sie, "es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch." "Was will der Frosch von dir?" "Ach, lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brunnen saß und spielte, fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Als ich deshalb weinte, hat sie mir der Frosch heraufgeholt. Und weil er es durchaus verlangte, versprach ich ihm, er sollte mein Spielgefährte werden. Ich dachte aber nimmermehr, dass er aus seinem Wasser käme. Nun ist er draußen und will zu mir herein."
Da klopfte es zum zweiten Mal, und eine Stimme rief: "Königstochter, Jüngste, mach mir auf! Weißt du nicht, was gestern du zu mir gesagt, bei dem kühlen Brunnenwasser? Königstochter, Jüngste, mach mir auf!" Da sagte der König: "Was du versprochen hast, das musst du auch halten! Geh nur und mach ihm auf!"
Sie ging und öffnete die Tür. Da hüpfte der Frosch herein und hüpfte ihr immer nach bis zu ihrem Stuhl. Dort blieb er sitzen und rief: "Heb mich hinauf zu dir!" Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: "Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen können." Der Frosch ließ es sich gut schmecken, ihr aber blieb fast jeder Bissen im Halse stecken.
Endlich sprach der Frosch: "Ich habe mich satt gegessen und bin müde. Nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seidenes Bettlein zurecht!" Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie sich nicht anzurühren getraute und der nun in ihrem schönen, reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber wurde zornig und sprach: "Wer dir geholfen hat, als du in Not warst, den sollst du hernach nicht verachten!"
Da packte sie den Frosch mit zwei Fingern, trug ihn hinauf in ihr Kämmerlein und setzte ihn dort in eine Ecke. Als sie aber im Bette lag, kam er gekrochen und sprach: "Ich will schlafen so gut wie du. Heb mich hinauf, oder ich sag es deinem Vater!" Da wurde sie bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn gegen die Wand.
"Nun wirst du Ruhe geben", sagte sie, "du garstiger Frosch!" Als er aber herabfiel, war er kein Frosch mehr, sondern ein Königssohn mit schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Er erzählte ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen.
Und wirklich, am anderen Morgen kam ein Wagen herangefahren, mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußenfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten. Hinten auf dem Wagen aber stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so gekränkt, als sein Herr in einen Frosch verwandelt worden war, dass er drei eiserne Bänder um sein Herz hatte legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge.
Der Wagen sollte nun den jungen König in sein Reich holen. Der treue Heinrich hob ihn und seine junge Gemahlin hinein, stellte sich wieder hinten hinauf und war voll Freude über die Erlösung seines Herrn. Als sie ein Stück des Weges gefahren waren, hörte der Königssohn, dass es hinter ihm krachte, als ob etwas zerbrochen wäre. Da drehte er sich um und rief: "Heinrich, der Wagen bricht!" "Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt und in einen Frosch verzaubert wart."
Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche. Doch es waren nur die Bänder, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr nun erlöst und glücklich war.

Märchenhafte Grüße aus dem Dorf

Märchen "Der Rosenelf"

Der Rosenelf
[von Hans Christian Andersen]

Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war ganz voller Rosenblüten. In der schönsten von allen wohnte ein Elf. Der war so winzig klein, dass kein menschliches Auge ihn erblicken konnte. Hinter jedem Blatt in der Rose hatte er eine Schlafkammer. Er war so wohlgebildet und schön, wie nur ein Kind sein kann, und hatte Flügel von den Schultern hinunter bis zu den Füßen. Oh, welcher Duft war in seinen Zimmern und wie schön und klar waren die Wände. Es waren ja die blassroten Rosenblätter.

Den ganzen Tag erfreute der Elf sich im warmen Sonnenschein, flog von Blume zu Blume und tanzte auf den Flügeln des fliegenden Schmetterlings. Auch zählte er, wie viele Schritte er zu gehen habe, um über alle Landstraßen und Stege zu gelangen, welche auf einem einzigen Lindenblatt waren. Denn was wir die Adern eines Blattes nennen, hielt er für Landstraßen und Stege. Ja, das waren meilenlange Wege für ihn! Ehe er damit fertig wurde, ging schon die Sonne unter. Er hatte auch spät damit angefangen!

Es wurde sehr kalt, der Tau fiel, und der Wind wehte. Nun war es das Beste, nach Hause zu kommen. Der Elf tummelte sich, was er konnte, aber die Rose hatte sich geschlossen, und er konnte nicht mehr hineingelangen. Keine einzige Rose stand geöffnet. Der arme kleine Elf erschrak sehr. Er war früher nie des Nachts ausgeblieben, hatte immer so süß hinter den warmen Rosenblättern geschlummert. Oh, das würde sicher sein Tod sein!

Am anderen Ende des Gartens, das wusste er, befand sich eine Laube mit schönem Jelängerjelieber. Die Blüten sahen wie große bemalte Hörner aus. In eine derselben wollte er hinabsteigen und bis zum Morgen schlafen.

Der Elf flog dahin. Doch es waren schon zwei Menschen darin, ein junger hübscher Mann und ein schönes Mädchen. Sie saßen nebeneinander und wünschten, dass sie sich nie zu trennen brauchten, denn sie hatten einander so lieb. "Dennoch müssen wir uns trennen", sagte der junge Mann. "Dein Bruder mag uns nicht leiden. Deshalb sendet er mich mit einem Auftrag weit fort über Berge und Seen! Lebe wohl, meine süße Braut, denn das bist du doch!"

Dann küssten sie sich, und das junge Mädchen weinte und gab ihm eine Rose. Aber bevor sie ihm dieselbe reichte, drückte sie einen Kuss so fest und innig darauf, dass die Blume sich öffnete. Da flog der kleine Elf in diese hinein und lehnte sein Haupt gegen die feinen, duftenden Wände. Hier konnte er gut hören, wie die beiden Abschied nahmen. "Lebe wohl!" Und er fühlte, dass die Rose ihren Platz an Brust des jungen Mannes erhielt. Oh, wie schlug doch das Herz darin! Der kleine Elf konnte gar nicht einschlafen, so pochte es.

Die Rose ruhte aber nicht lange ungestört an der Brust. Der Mann nahm sie hervor und küsste die Blume, während er einsam durch den dunklen Wald ging. Oh, so oft und so heftig, dass der kleine Elf fast erdrückt wurde.

Da kam ein anderer Mann, finster und böse. Er war der Bruder des hübschen Mädchens und zog ein scharfes Messer hervor. Während jener noch die Rose küsste, stach der schlechte Mann ihn tot, schnitt seinen Kopf ab und begrub ihn mit dem Körper in der weichen Erde unter dem Lindenbaum.

"Nun ist er vergessen und fort", sagte der schlechte Bruder. "Eine lange Reise sollte er machen, über Berge und Seen. Da kann man leicht sein Leben verlieren, und das hat ihn jetzt den Kopf gekostet. Er kommt nicht mehr zurück, und meine Schwester wird von mir nichts erfahren."

Dann scharrte er mit dem Fuß verdorrte Blätter über die lockere Erde und ging wieder durch die dunkle Nacht nach Hause. Aber er ging nicht allein, wie er glaubte, denn der kleine Elf begleitete ihn. Er saß in einem zusammengerollten Lindenblatt, das dem bösen Mann in die Haare gefallen war, als er grub. Nun war der Hut darauf gesetzt, und es war so dunkel darin, dass der Elf vor Schreck und Zorn über die schlechte Tat am ganzen Leibe zitterte.

In der Morgenstunde kam der böse Mann nach Hause. Er nahm seinen Hut ab und ging in die Schlafkammer der Schwester hinein. Da lag das schöne, blühende Mädchen und träumte von ihrem Liebsten, dem sie so gut war und von dem sie glaubte, dass er über Berge und durch Wälder ginge. Der böse Bruder neigte sich über sie und lachte hässlich, wie nur der Teufel lachen kann. Da fiel das trockene Blatt aus seinem Haar auf die Bettdecke nieder, aber er bemerkte es nicht und ging hinaus, um selbst ein wenig zu schlafen.

Der Elf schlüpfte aus dem verwelkten Blatt, setzte sich in das Ohr des schlafenden Mädchens und erzählte ihr, wie in einem Traum, den schrecklichen Mord. Er beschieb ihr auch den Ort, wo der Bruder ihn erschlagen und seine Leiche verscharrt hatte, erzählte von dem blühenden Lindenbaum und sagte: "Du darfst nicht glauben, dass es nur ein Traum ist, was ich dir erzählt habe. Darum wirst du auf deinem Bett ein welkes Blatt finden!" Und das fand sie auch, als sie erwachte. Oh, welch bittere Tränen weinte sie! Sie durfte sich in ihrem Schmerz aber niemandem anvertrauen.

Das Fenster zum Garten stand den ganzen Tag weit offen. Der kleine Elf konnte leicht zu den Rosen und den übrigen Blumen hinausgelangen. Aber er mochte es nicht über sein Herz bringen, die Betrübte zu verlassen. Im Fenster stand ein Strauch mit Monatsrosen. In eine der Blumen setzte er sich und betrachtete das arme Mädchen. Der böse Bruder kam oft in die Kammer hinein. Er war so heiter und doch so schlecht, doch das Mädchen hütete sich, ihr Wissen zu verraten.

Als es Nacht wurde, schlich sie sich aus dem Hause und ging im Walde zu der Stelle, wo der Lindenbaum stand. Sie nahm die Blätter von der Erde, grub dieselbe auf und fand ihren Liebsten, der erschlagen worden war. Oh, wie weinte sie und bat den lieben Gott, dass auch sie bald sterben möge!

Gerne hätte sie die Leiche mit sich nach Hause genommen, aber das konnte sie nicht. Da nahm sie das bleiche Haupt mit den geschlossenen Augen, küsste den kalten Mund und schüttelte die Erde aus seinem schönen Haar. "Das will ich behalten", sagte sie. Und als sie die Erde und die toten Blätter auf den Körper gelegt hatte, nahm sie den Kopf und einen Zweig von dem Jasminstrauch, der am Grabe blühte. Dann ging sie weinend nach Hause.

Sobald das Mädchen in ihre Stube kam, holte sie sich den größten Blumentopf, der zu finden war. In diesen legte sie den Kopf des Toten, schüttete Erde darauf und pflanzte den Jasminzweig darauf.

"Lebe wohl! Lebe wohl!", flüsterte der kleine Elf. Er konnte es nicht länger ertragen, all diesen Schmerz zu sehen, und flog hinaus zu seiner Rose in den Garten. Aber die war abgeblüht, und es hingen nur noch bleiche Blätter an der grünen Hagebutte. "Ach wie bald ist es doch mit all dem Schönen und Guten vorbei", seufzte der Elf. Dennoch fand er wieder eine Rose, die zu seiner Wohnung wurde. Hinter ihren feinen und duftenden Blättern konnte er behaglich hausen und wohnen.

Jeden Morgen flog er zum Fenster des armen Mädchens, und jedes Mal stand sie bei dem Blumentopf und weinte. Die bitteren Tränen fielen auf den Jasminzweig, und mit jedem Tag, an dem sie bleicher aussah, stand der Zweig frischer und grüner da. Ein Schössling trieb nach dem anderen hervor, kleine weiße Knospen blühten auf, und die küsste sie. Aber der böse Bruder schalt sie und fragte, ob sie närrisch geworden sei? Er konnte es nicht leiden und nicht begreifen, dass sie immerzu über dem Blumentopf weinte. Er wusste ja nicht, welche Augen und welche Lippen darin ihr Grab gefunden hatten.

Eines Tages fand der kleine Elf das Mädchen aber schlafend vor, das Haupt gegen den Blumentopf gelehnt. Da setzte er sich in ihr Ohr, erzählte von dem Abend in der Laube, vom Duft der Rose und der Elfen Liebe. Wie träumte sie da süß und sanft entschwand ihr das Leben. Sie war gestorben und war nun bei ihrem Geliebten im Himmel.

Da öffnete die Jasminblume ihre großen, weißen Glocken. Sie dufteten so wundersam süß, als könnten sie nicht über die Toten weinen. Der böse Bruder aber betrachtete den herrlichen Strauch, nahm ihn als sein Erbgut zu sich und setze ihn in seine Schlafstube, dicht an sein Bett. Der kleine Rosenelf kam mit, flog von Blüte zu Blüte, denn in jeder wohnte ja eine kleine Seele. Der Elf erzählte von dem ermordeten jungen Mann, dessen Haupt nun Erde unter der Erde war, erzählte von dem bösen Bruder und von der armen Schwester. "Wir wissen es", sagte eine jede Seele in den Blüten, "wir wissen es! Sind wir nicht aus Augen und Lippen des Erschlagenen entsprossen? Wir wissen es! Wir wissen es!" Und dann nickten sie so sonderbar mit dem Kopfe.

Der Rosenelf konnte es gar nicht begreifen, wie sie so ruhig sein könnten. Und er flog hinaus zu den Bienen, die Honig sammelten, und erzählte ihnen die Geschichte von dem bösen Bruder. Die Bienen sagten es ihrer Königin und diese befahl, dass sie alle am nächsten Morgen den Mörder umbringen sollten. Doch in der Nacht schlief der Bruder in seinem Bette wieder dicht neben dem duftenden Jasminstrauch. Da öffnete sich jeder Blumenkelch, und unsichtbar, aber mit giftigen Spießen, stiegen die Blumenseelen heraus und setzten sich in sein Ohr, erzählten im böse Träume, flogen über seine Lippen und stachen seine Zunge mit giftigen Spießen. "Nun haben wir den Toten gerächt", sagten sie und flogen in die weiße Glocken des Jasmins zurück.

Als es Morgen war und das Fenster der Schlafkammer plötzlich aufgerissen wurde, fuhr der Rosenelf mit der Bienenkönigin und dem ganzen Bienenschwarm hinein, um ihn zu töten. Aber er war schon tot. Es standen Leute rings um das Bett und sie sagten: "Der Jasminduft hat ihn getötet."

Nun verstand der Rosenelf die Rache der Blumen und erzählte es der Bienenkönigin. Sie summte mit ihrem ganzen Schwarm um den Blumentopf, und die Bienen waren nicht zu verjagen. Da nahm ein Mann den Blumentopf fort. Ein Biene stürzte herab und stach ihn in die Hand, sodass er den Topf fallen und zerbrechen ließ. Da sahen alle den bleichen Totenschädel, und sie wussten, dass der Tote im Bett ein Mörder war.

Die Bienenkönigin summte in der Luft und sang von der Rache der Blumen, von dem Rosenelf, und dass hinter dem geringsten Blatte einer wohnt, der das Böse erzählen und rächen kann!

Märchenhafte Grüße aus dem Dorf

Das Märchen: Die Perlenkönigin

Die Perlenköngin
von Ludwig Bechstein

Es war einmal ein kleines Fischerdorf, das an einem großen See lag. Alle Jahre wieder kam dort eine schöne Unbekannte ans Ufer. Und jedes Mal kam sie mit einem prächtigen Schifflein gefahren, das so aussah, als wäre es aus lauter Perlen zusammengefügt. Niemand wusste, woher sie kam und wohin sie ging, wenn sie wieder verschwand.

Die Fischerleute hatten die schöne Unbekannte aber sehr lieb, denn sie streute am Ufer immer Perlen aus und winkte den Kindern, diese aufzulesen. Da waren die Kinder dann geschäftig und freuten sich am schönen Farbenspiel der Perlen. Wenn die Perlen dann alle aufgesammelt waren, kamen die Fischer und Fischerinnen und trugen eine ordentliche Mahlzeit auf: Fische, Brot und guten Wein. Die schöne Unbekannte verneigte sich freundlich, aß einige Bissen und trank ein wenig von dem Weine.

Oft passierte es auch, dass sich Prinzen und Edelleute aus fernen Ländern einstellten, wenn die schöne Unbekannte ans Ufer kam. Die vielen Besucher waren auf Brautschau, denn es ging die Rede um, dass die schöne Unbekannte ebenso reich an Schätzen wie an Leibesschönheit sei. Wen wundert's da, dass man bald nur noch von der Perlenkönigin sprach. Doch jeder, der sich um ihre Gunst bewarb, musste drei Proben bestehen. Und bisher waren alle Bewerber kläglich gescheitert.

Die erste Probe war es, die Haarfarbe der Perlenkönigin zu erraten, denn ihr Haupt war stets dicht verschleiert. Was hatten die Bewerber nicht schon alles geraten: schwarz, rot, blond, braun, weiß, grün, grau und blau.

Die zweite Probe war, sich die Halskette der Perlenkönigin umzuhängen. Wurden die hell glänzenden Perlen dann trübe, war das ein schlechtes Zeichen, und die schöne Dame fing an zu weinen. Ihre Tränen wurden aber zu ebenso hellen Perlen, wie sie bereits an der Kette waren. Die neuen Perlen fügte die schöne Unbekannte ihrer Kette hinzu und nahm diese wieder an sich. Und wenn die Kette dann wieder am Halse der Jungfrau hing, glänzten die Perlen auch wieder hell und wundersam.

Die dritte und letzte Probe war, zu erraten, was die Perlenkönigin auf der Brust trug. Und so schlau die Bewerber auch waren, sie konnten es nicht herausfinden. Keiner gewann die Gunst der schönen Unbekannten, und wäre er auch der reichste Fürst gewesen.

Manche versuchten es auch mit List, um etwas Näheres über den Verbleib Perlenkönigin zu erfahren. Doch blieben alle Anstrengungen fruchtlos, denn das Perlenschifflein entschwand den Blicken der Menschen immer viel zu schnell.

Es gab aber einen Knaben unter den Dorfkindern, den hatte die Perlenkönigin unter allen Kindern am liebsten. Sie nahm ihn bei jedem Besuch in ihre Arme und drückte ihn herzlich. Der Knabe hatte die schöne Dame auch sehr lieb, doch er wurde größer und wagte sich bald nicht mehr, die Perlen aufzulesen. Auch musste er jetzt oft mit seinem Vater auf den See fahren und fischen.

So war die Perlenkönigin schon mehrere Male ans Ufer gestiegen und hatte ihren lieben Fischerknaben nicht gesehen. Da wurde sie sehr traurig, denn ihr Herz hatte gerade diesen Jüngling auserwählt. Und darum wünschte sie sich um so mehr, dass der schöne Fischersohn einst die drei Proben bestehen möge.

Eines Abends beschloss die Perlenkönigin, den geliebten Fischersohn unsichtbar aufzusuchen. Als der goldene Mond aufgegangen war und sich im Wasser spiegelte, fuhr das Perlenschifflein wieder durch die Wellen. Die Perlenkönigin trat unerkannt in die kleine Kammer des Geliebten und beugte sich sanft über den Schlafenden. Dann löste sie ihre Perlenkette vom Hals und hängte sie dem Jüngling um. Welch eine Freude! Die Perlen blieben so hell und klar wie zuvor. Die Perlenkönigin küsste darauf den Teuren und entschwand. Der Jüngling aber war nun in Liebe zur Perlenkönigin entbrannt, doch es fehlte ihm der Mut, sich der Geliebten zu nähern.

Als die Perlenkönigin wieder einmal am Lager des Jünglings weilte, erwachte dieser aus dem Schlafe. Da nahm die Perlenkönigin ihre Perlenkette und hängte sie dem Geliebten um den Hals. Die Perlen aber glänzten so hell wie zuvor. Da liefen der Perlenkönigin warme Tränen über die Wangen. Sie warf den Schleier zurück, nahm ihre Haare und trocknete ihre Tränen. Der Jüngling sah nun, dass ihre Haare ganz golden waren.

Dann schlug die Perlenkönigin ihr Kleid ein wenig auf und ein heller Spiegel auf ihrer Brust warf das Bild des Jünglings sanft und schön zurück. Die Perlenkönigin war aber in großer Sorge, denn sollte die Perlenkette nur ein einziges Mal am Halse des Geliebten trüb werden, hätte sie sich nicht mehr nähern dürfen.

Es kam die Zeit, wo die Perlenkönigin wieder zum Fischerdorf fuhr und in gewohnter Weise Perlen für die frohen Kinder ausstreute. Dieses Mal waren besonders viele Fürsten und edle Herren gekommen, um der schönen Perlenkönigin den Hof zu machen. Auch der Fischerjüngling stand etwas abseits, denn er wollte sich der Angebeteten endlich nähern. Als die hohen Herren an den drei Proben wie gewohnt gescheitert waren, kam die Reihe an den Jüngling.

Er neigte bescheiden den Kopf und sprach: "Oh, deine Haare müssen golden sein." In diesem Augenblick fiel der Schleier herab, und ihre goldnen Locken wallten hernieder. Dann hängte die Perlenkönigin ihre Perlenkette um den Hals des Jünglings, und sie blieb rein und glänzend. Jetzt sprach der Fischer: "Ein reiner schöner Spiegel muss auf deiner Brust sein, holde Jungfrau!" Da öffnete die Perlenkönigin ihr Kleid ein wenig, und der klare Spiegel auf der Brust zeigte ein sanftes schönes Bild, das Bild des Jünglings.

Da ertönte vom Perlenschifflein ein heller Jubel und fröhliche Musik. Ein Reihe schöner Frauen und blühender Männer erhob sich vom Schifflein und nahm das holde Paar in die Mitte. Dann glitt das Perlenschifflein auf spiegelheller Wasserfläche zur Perleninsel, wo die Heimat der Perlenkönigin war. Dort lebte das Brautpaar fortan in großem Glück und beide sahen das kleine Fischerdorf nie mehr wieder.

Das Märchen: Das Gänseblümchen

Das Gänseblümchen
von Hans Christian Andersen:

Nun höre einmal! Draußen auf dem Lande lag ein Landhaus dicht am Wege. Du hast es gewiss selbst einmal gesehen. Vor ihm lag ein kleiner Garten mit Blumen und einem Zaun. Nahe dabei war ein Graben, und mitten in dem schönsten grünen Grase wuchs eine kleine Gänseblume. Die Sonne beschien sie ebenso warm und schön wie die großen, schönen Prachtblumen drinnen im Garten, und deshalb wuchs sie von Stunde zu Stunde.
Eines Morgens stand sie mit ihren kleinen, blendend weißen Blättern ganz entfaltet da. Die Blätter waren wie lauter Strahlen, die ringsherum um die kleine, gelbe Sonne in der Mitte saßen. Das Gänseblümchen dachte gar nicht daran, dass kein Mensch sie im Grase sehen konnte, und dass sie eine arme, einfache Blume sei. Nein, sie war vergnügt. Sie wendete sich der warmen Sonne gerade entgegen, sah zu ihr auf und horchte auf die Lerche, die in der Luft sang.
Das kleine Gänseblümchen war so glücklich, als ob es ein großer Festtag gewesen wäre, doch es war ein Montag. Alle Kinder waren in der Schule und saßen dort auf den Bänken, um etwas zu lernen. Das Gänseblümchen aber saß auf ihrem kleinen, grünen Stängel und lernte von der warmen Sonne und allem ringsumher, wie gut es der liebe Gott mit ihr meinte. Die kleine Lerche sang so schön und drückte in der Stille all das aus, was das Gänseblümchen in sich spürte. Mit großer Ehrfurcht blickte das Gänseblümchen zu dem glücklichen Vogel empor, der singen und fliegen konnte. Doch das Gänseblümchen war gar nicht betrübt, obwohl es diese Gaben nicht hatte. "Ich sehe und höre ja", dachte es, "und die Sonne scheint auf mich hernieder! Oh, wie gut ich es doch im Leben angetroffen habe!"
Im Garten standen viele steife, vornehme Blumen. Je weniger Duft sie hatten, umso mehr prahlten sie. Die Sonnenrose blies sich auf, als wäre sie größer als eine Rose. Aber die Größe ist es nicht, die den Ausschlag gibt! Die Tulpen hatten die allerschönsten Farben, das wussten sie wohl und hielten sich aufrecht, damit man sie besser sehen konnte. Sie betrachteten die kleine Gänseblume da draußen gar nicht, worauf dieses dachte: "Die Tulpen sind wirklich reich und schön! Ja, sicher fliegt der prächtige Vogel zu ihnen hernieder und besucht sie! Gott sei Dank, dass ich so nahe dabei stehe, so kann ich die Pracht wohl zu sehen bekommen!" Und gerade, wie es das dachte, "Quirrvit!", kam die Lerche nieder ins Gras zu dem armen Gänseblümchen geflogen. Es erschrak vor lauter Freude und gar nicht wusste, was es denken sollte.
Der kleine Vogel tanzte rings um sie her und sang: "Wie ist doch das Gras so weich! Welch liebliche, kleine Blume mit Gold im Herzen und Silber auf dem Kleide!" Der gelbe Punkt in der Gänseblume sah ja auch aus wie Gold, und die kleinen Blätter ringsherum erglänzten silberweiß.
Wie glücklich die kleine Gänseblume war, das kann niemand begreifen! Der Vogel küsste sie mit seinem Schnabel, sang ihr vor und flog dann wieder in die blaue Luft hinauf. Es währte sicher eine ganze Viertelstunde, bevor die Blume sich beruhigen konnte. Halb beschämt und doch innerlich erfreut, sah sie nach den anderen Blumen im Garten. Sie hatten ja die Ehre und Glückseligkeit gesehen, die ihr widerfahren war, und sie mussten doch nun begreifen, welche Freude das war. Aber die Tulpen standen noch steifer als zuvor, und sie waren spitz im Gesicht und rot, denn sie hatten sich geärgert. Die Sonnenblumen waren ganz dickköpfig. Da war es nur gut, dass sie nicht sprechen konnten, sonst hätte die Gänseblume eine ordentliche Zurechtweisung bekommen. Die arme, kleine Blume konnte wohl sehen, dass sie nicht guter Laune waren, und das tat ihr herzlich weh. Zur selben Zeit kam drinnen im Garten ein Mädchen mit einem großen, scharfen und glänzenden Messer gelaufen. Es ging gerade auf die Tulpen zu und schnitt eine nach der anderen ab. "Uh", seufzte die kleine Gänseblume, "das war schrecklich anzusehen, nun ist es mit ihnen vorbei!" Dann ging das Mädchen mit den Tulpen fort. Das Gänseblümchen war froh, dass es draußen im Grase stand und eine kleine Blume war. Es fühlte sich so dankbar. Und als die Sonne unterging, faltete es seine Blätter, schlief ein und träumte die ganze Nacht von der Sonne und dem kleinen Vogel.
Am nächsten Morgen, als die Gänseblume wieder glücklich alle ihre weißen Blätter ausbreitete, erkannte sie des Vogels Stimme. Das Lied, was er sang, war aber traurig. Ja, die arme Lerche hatte guten Grund dazu. Sie war gefangen worden und saß nun in einem Käfig dicht beim offenen Fenster. Sie besang das freie und glückliche Umherfliegen, sang von dem jungen grünen Korn auf dem Felde und von der herrlichen Reise, die sie auf ihren Flügeln hoch in der Luft machen konnte. Der arme, kleine Vogel war nicht bei guter Laune, gefangen in einem Käfig.
Die kleine Gänseblume wünschte zu helfen. Aber wie sollte sie das anfangen? Ja, es war schwer zu erdenken. Sie vergaß völlig, wie schön alles ringsumher stand und wie warm die Sonne schien. Ach, sie konnte nur an den gefangenen Vogel denken, für den sie durchaus nichts tun konnte.
In derselben Zeit kamen zwei kleine Knaben aus dem Garten. Der eine von ihnen hatte ein Messer in den Händen, groß und scharf, wie am Vortag das Mädchen, das die Tulpen abgeschnitten hatte. Sie gingen gerade auf die kleine Gänseblume zu, die gar nicht begreifen konnte, was sie wollten.
"Hier können wir ein herrliches Rasenstück für die Lerche ausschneiden!", sagte der eine Knabe und begann nun, um die Gänseblume herum ein Viereck auszuschneiden, sodass sie mitten auf dem Rasenstück zu stehen kam.
"Reiße die Blume ab!", sagte der eine Knabe, und das Gänseblümchen zitterte vor Angst. Denn abgerissen werden hieß ja das Leben verlieren, und es wollte doch so gerne leben, da es mit dem Rasenstück zu der gefangenen Lerche kommen sollte.
"Nein, lass sie stehen", sagte der andere Knabe, "sie ist doch niedlich!" Und so blieb die kleine Gänseblume stehen und kam mit in den Käfig zur Lerche. Aber der arme Vogel klagte laut über die verlorene Freiheit und schlug mit den Flügeln gegen den Eisendraht des Käfigs. Die kleine Gänseblume konnte nicht sprechen, kein tröstendes Wort sagen. So verging der ganze Vormittag.
"Hier ist kein Wasser!", rief die gefangene Lerche. "Sie sind alle ausgegangen und haben vergessen, mir etwas zu trinken zu geben. Mein Hals ist trocken und brennend! Es ist Feuer und Eis in mir, und die Luft ist so schwer! Ach, ich muss sterben und Abschied nehmen von dem warmen Sonnenschein, vom frischen Grün, von all der Herrlichkeit, die Gott geschaffen hat!" Dann bohrte die Lerche ihren Schnabel in das kühle Rasenstück, um sich dadurch ein wenig zu erfrischen. Da sah sie das Gänseblümchen, nickte ihm zu, küsste es mit dem Schnabel und sagte: "Du musst hier drinnen auch vertrocknen, du arme, kleine Blume! Dich und den kleinen Flecken Gras hat man mir für die ganz Welt gegeben, die ich draußen hatte! Jeder kleine Grashalm soll mir ein grüner Baum, jedes deiner weißen Blätter eine duftende Blume sein! Ach, ihr erinnert mich daran, wie viel ich verloren habe!"
"Könnte ich ihn doch trösten!", dachte die Gänseblume, aber sie konnte kein Blatt bewegen. Doch der Duft, der den feinen Blättern entströmte, war weit stärker, als man ihn sonst bei dieser Blume findet. Das bemerkte auch der Vogel. Obwohl er vor Durst fast umfiel und in seinem Schmerz die grünen Grashalme abriss, berührte er doch nicht die Blume.
Es wurde Abend, und noch immer zeigte sich niemand, der dem armen Vogel einen Wassertropfen bringen wollte. Da streckte er seine hübschen Flügel aus und schüttelte sie krampfhaft. Sein Gesang war ein wehmütiges "piep, piep", und das kleine Haupt neigte sich der Blume entgegen. Das Herz des Vogels war gebrochen, weil die Sehnsucht nicht groß genug gewesen war. Da konnte die Blume am Abend ihre Blätter nicht mehr zusammenfalten und schlafen, und sie hing nur traurig zur Erde nieder.
Erst am nächsten Morgen kamen die Knaben wieder. Als sie den Vogel tot erblickten, weinten sie, weinten viele Tränen und gruben ihm ein kleines Grab, das mit Blumenblättern verziert wurde. Der Leichnam des Vogels kam in eine schöne rote Schachtel. Königlich sollte er bestattet werden, der arme Vogel! Als er noch lebte und sang, vergaßen sie ihn, ließen ihn im Käfig sitzen und leiden. Nun vergossen sie viele, viele Tränen um ihn.
Das Rasenstück mit dem Gänseblümchen wurde aber fortgeworfen. Niemand dachte an die bescheidene Blume, die doch am meisten für den kleinen Vogel gefühlt hatte und ihn so gerne trösten wollte.